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Verantwortung als Beziehungsarbeit

  • Autorenbild: Karin Sidler
    Karin Sidler
  • 15. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Feb.

Verantwortung tragen


Verantwortung in Führung ist selten eine Frage von „mehr Stärke“, sondern eine Frage von Beziehung: zwischen dem eigenen Standpunkt, den Anderen und der gemeinsamen Welt. Unsicherheit entsteht oft nicht trotz, sondern wegen dieser Beziehungslage – selbst dann, wenn Zahlen, Szenarien und Risiken vorliegen. Das Dreieck Ich – Andere – Welt macht sichtbar, welche Verantwortungen mit welchen Optionen verbunden sind; der Zwischenraum ist der praktische Ort dieser Klärung. Tragen meint hier beides: Last übernehmen und eine Entscheidung so begründen, dass sie trägt.


Einleitung

In Führungssituationen hört man oft Sätze wie: „Ich muss jetzt einfach entscheiden.“ Dahinter steckt eine stille Annahme: Verantwortung sei etwas, das man hat und wer sie „wirklich“ hat, spüre weniger Zweifel.

Tatsächlich liegt das Gegenteil näher: Je höher die Verantwortung, desto eher tritt Unsicherheit auf – nicht als Schwäche, sondern als Hinweis darauf, dass mehrere legitime Ansprüche gleichzeitig wirksam sind. In solchen Momenten ist nicht zusätzliche Information der Engpass. Der Engpass ist Klarheit: Worüber entscheiden wir hier eigentlich und welche Verantwortung folgt daraus?


Warum Verantwortung keine Eigenschaft ist

Verantwortung wird im Alltag gern wie eine Eigenschaft behandelt: verantwortungsbewusst, entscheidungsstark, belastbar. Das ist verständlich und doch verkürzt. Verantwortung „hat“ man nicht wie ein Talent; sie entsteht, sobald jemand antworten muss: auf Erwartungen, auf Grenzen, auf Folgen. Das Wort „Verantwortung“ trägt sein Prinzip in sich: Es geht um Antwort. Verantwortung ist nicht zuerst ein innerer Zustand, sondern eine Struktur des Antwortens in Beziehungen.

Man kann das schlicht als Relation oder Beziehung beschreiben: Wer ist verantwortlich, wofür, gegenüber wem und unter welchen Bedingungen? In dieser Struktur wird sichtbar, dass Verantwortung nicht isoliert im Individuum „sitzt“. Sie ereignet sich zwischen Selbst, Anderen und Welt. Unsicherheit ist dann kein Makel, sondern ein Signal: Die Beziehungen sind nicht deckungsgleich, die Ansprüche nicht vollständig kompatibel. Wer entscheidet, muss Verantwortung tragen.


Das Dreieck Ich – Andere – Welt

Das Dreieck ist eine Denkfigur, kein Schema zur Beruhigung. Es hilft, die relevanten Beziehungen sichtbar zu machen und damit die Verantwortung, die in ihnen entsteht.

Ich. Standpunkt, Integrität, die Unterscheidung von Rolle und Person. Gefährlich wird es, wenn Selbstbild zum Entscheidungsgrund wird („Ich darf nicht kalt wirken“, „Ich darf nicht scheitern“). Leitfragen: Wofür stehe ich ein? Was ist nicht verhandelbar? Was ist Angst, was Urteil?

Andere. Mitarbeitende, Kolleg:innen, Gremien, Kund:innen, Eigentümer:innen und die indirekt Betroffenen. Gefährlich wird es, wenn Harmonie Klarheit ersetzt oder Menschen zu Posten werden. Leitfragen: Wem gegenüber trage ich Verantwortung? Wer trägt die Last meiner Entscheidung – und wer trägt die Last meines Zögerns? Welche Fairness ist hier möglich?

Welt. Grenzen und Wirkungen: Zeit, Liquidität, Recht, Markt, Technologie, Reputation – auch dort, wo es noch keine Kennzahl gibt. Gefährlich wird es, wenn „die Zahlen“ als moralische Abkürzung dienen oder „der Markt“ als Ausrede. Leitfragen: Welche Grenzen sind real? Was ist irreversibel? Welche Wirkungen entstehen später – und wer wird sie tragen?


Dynamik der Pole

In realen Entscheidungsverläufen verschieben sich diese drei Pole. Am Anfang dominiert oft die Welt (Cash, Timing, Fristen). Dann kippt der Fokus zu den Anderen (Vertrauen, Bindung, politische Dynamik). Später rückt das Ich nach vorn (Selbstverständnis, Mut zur Zumutung, Angst vor Kritik). Diese Verschiebungen sind kein Störfaktor, sondern Teil der Wahrheit der Situation.

Darum muss das Dreieck wiederholt gelesen werden: nach neuen Informationen, nach Rückmeldungen aus dem Team, nach der Diskussion im Gremium – und auch nach dem eigenen inneren Umschlag („jetzt will ich es einfach hinter mich bringen“). Wiederholung ist hier Methodik: Sie verhindert, dass man eine momentane Dominanz (z.B. Zahlen) mit der ganzen Verantwortung verwechselt.


Der Zwischenraum

Zwischen Ich, Anderen und Welt gibt es einen Ort, den Organisationen selten bewusst pflegen: den Zwischenraum. Bei Martin Buber liegt das Entscheidende nicht im Ich allein und nicht im Du allein, sondern im „Zwischen“ der Begegnung. Bei Hannah Arendt entsteht Orientierung im gemeinsamen Raum des Sprechens und Handelns, dort, wo Verschiedenheit sichtbar wird, ohne sofort aufgelöst zu werden.

Praktisch ist der Zwischenraum ein Klärungsraum: Begriffe werden präzisiert, Unterscheidungen gesetzt, Spannungen gehalten, bevor sie in Aktion übersetzt werden. Er ist weder Therapie noch Sitzung. Er ist der Raum, in dem Verantwortung zur Sprache kommt – und in dem sichtbar wird, was eine Entscheidung kostet und wer es trägt. Wer diesen Raum gezielt pflegt, erhöht nicht die Geschwindigkeit, sondern die Tragfähigkeit von Entscheidungen.


Praxisbeispiel Restrukturierung

Eine Geschäftsleiterin kommt mit einer scheinbar klaren Frage: „Soll ich die Restrukturierung jetzt durchziehen – oder noch warten?“ Sie hat Zahlen. Sie hat Szenarien. Sie kennt die Risiken. Und ist trotzdem unsicher.


Erstens: Begriff klären. Was bedeutet „Restrukturierung“ konkret – Kosten, Personal, Portfolio, Prozesse, Standorte? Oft zeigt sich: Mehrere Entscheidungen wurden in ein Wort gepackt. Solange der Begriff unscharf ist, bleibt auch die Verantwortung unscharf.


Zweitens: Optionen trennen. „Jetzt oder warten“ ist häufig eine Scheinalternative. Sobald Optionen präzisiert werden, entstehen z.B. (a) sofort und hart, (b) schrittweise mit flankierenden Massnahmen, (c) ein Moratorium mit klaren Triggern. Jede Option erzeugt eine andere Verantwortung – und eine andere Last, die jemand tragen muss.


Drittens: Erste Dreieckslektüre. Im Ich-Pol: Integrität, Rolle, Selbstbild. Im Andere-Pol: Betroffenheiten, implizite Zusagen, Vertrauensrisiken. Im Welt-Pol: Liquidität, Marktfenster, rechtliche Grenzen.


Viertens: Zweite Lektüre nach dem Abgleich der Konsequenzen. Häufig kippt die Lage: Eine sachlich plausible Option wird sozial riskant; eine sozial verträgliche kollidiert mit Zeit und Cash; ein „Warten“ entpuppt sich als Verschiebung von Kosten. Die erneute Lektüre klärt, welche Verantwortung tatsächlich mit welcher Option verbunden ist.


Fünftens: Tragbare Begründung formulieren. „Ich entscheide X, weil…“ – und dieses „weil“ benennt Notwendigkeit, Zumutung, Grenze. Tragfähig wird die Entscheidung, wenn sie in Sprache gebracht werden kann, die intern wie extern trägt.


Tragen: Ein Wort, das zwei Dinge meint

Das Wort „tragen" zieht sich durch diesen gesamten Text – und das ist kein Zufall. Es hat eine Doppelbedeutung, die genau den Kern von Verantwortung als Beziehungsarbeit trifft:

Tragen heisst erstens: eine Last auf sich nehmen. Wer verantwortlich entscheidet, nimmt etwas auf sich, das nicht nur „seins" ist, es kommt aus dem Zwischen, aus den Beziehungen zu Anderen und zur Welt.

Tragen heisst zweitens: etwas halten, das Bestand hat. Eine tragfähige Entscheidung ist eine, die man vertreten kann, nicht nur im Moment der Entscheidung, sondern auch danach, wenn die Folgen sichtbar werden.

Verantwortung als Beziehungsarbeit meint genau das: etwas tragen, das aus dem Zwischen kommt und ins Zwischen hinein wirkt. Nicht allein, nicht abstrakt, sondern in konkreten Beziehungen zu sich selbst, zu Anderen, zur Welt.

 

Unterlassen als Verantwortungsfigur. Nicht-Entscheiden ist selten neutral. Es verlängert Unsicherheit, verschiebt operative Lasten nach unten und verlagert Zeitdruck in die Zukunft. Hans Jonas’ Hinweis auf Zukunftsverantwortung ist hier nüchtern: Reichweite entsteht nicht nur durch Tun, sondern auch durch Nicht-Tun. Was heute „offen gehalten“ wird, wird morgen oft teurer getragen – von anderen oder von der Organisation als Ganzem. Wer diese Externalisierung vermeiden will, muss Unterlassen als Option mit Kosten benennen und sich fragen, wer sie heute und später trägt.


Leitfragen-Checkliste

Ort/Pol

Leitfragen

Warnsignal (typisch)

Klärungshandlung

Ich

Was ist für mich nicht verhandelbar? Welche Angst/Eitelkeit spricht mit? Wo endet Rolle, wo beginnt Person?

Ich argumentiere primär über Wirkung/Selbstbild oder vermeide Klarheit aus Selbstschutz.

Standpunkt in einem Satz formulieren und auf Selbstbild-Anteile prüfen.

Andere

Wer ist direkt/indirekt betroffen (inkl. „Dritte“)? Welche Zusagen wurden gemacht? Welche Form von Gerechtigkeit ist möglich?

Ich rede über Menschen wie über Posten oder ich verliere mich in Harmonie.

Betroffene Gruppen benennen; Lasten/Schutzwirkungen je Option sichtbar machen.

Welt

Welche Grenzen sind real (Cash, Recht, Zeit)? Was ist irreversibel? Welche Nebenfolgen entstehen in 6/18/36 Monaten?

Ich behaupte „der Markt zwingt“ statt zu unterscheiden oder ignoriere Grenzen.

Bedingungen als Wenn–Dann formulieren; Nebenfolgen explizit machen.

Zwischenraum

Welche Verantwortung ist mit Option A/B/C verbunden? Was muss hier „ausgehalten“ werden, bevor entschieden wird?

Ich suche „die richtige“ Lösung statt die verantwortbare.

Dreieck erneut lesen, nachdem neue Informationen/Emotionen auftauchen.

Unterlassen

Welche Verantwortung entsteht durch Nicht-Entscheiden? Wer trägt die Last – heute und später?

Ich nenne Zuwarten „offen halten“, ohne Trigger/Kosten zu benennen.

Unterlassen als Option mit Kosten/Externalitäten beschreiben.


Zum Schluss: Klarheit macht Entscheidungen nicht leichter – aber tragbar.

Das Dreieck Ich – Andere – Welt ist kein Trichter, der Komplexität erhöht oder vereinfacht. Es ist ein Raster, das die relevanten Beziehungen sichtbar macht und damit auch das, was im Entscheidungsalltag oft implizit bleibt: dass jede Option eine bestimmte Verantwortung erzeugt und eine andere vermeidet.

Wer so denkt, reduziert Führung nicht auf Durchsetzung oder Empathie, nicht auf Zahlen oder Werte, sondern auf Urteilskraft in Beziehungen. Und genau das ist der Punkt: In echten Führungssituationen wird selten „das Richtige“ gefunden; es wird das Verantwortbare bestimmt – und dann getragen.

Am Ende wird die Entscheidung nicht einfacher. Aber sie wird tragfähig. Weil klar ist, welche Verantwortung mit dieser Entscheidung verbunden ist.

 

Was ein Denkraum hier leistet. Ein Denkraum ist die praktische Form des Zwischenraums. Er arbeitet nicht mit Überredung, sondern mit Klärung: Begriffe präzisieren, Optionen real machen, die Pole wiederholt lesen, Unterlassen als Option mit Konsequenzen benennen, eine Begründung formulieren, die getragen werden kann. Erwartete Resultate sind keine Garantie, sondern Urteilskraft: eine klarere Optionslandschaft, explizite Verantwortungszuordnung, Bewusstsein für Nebenfolgen und eine Kommunikation, die nicht beschwichtigt, sondern begründet.




 
 
 

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