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Wenn niemand verantwortlich ist

  • Autorenbild: Karin Sidler
    Karin Sidler
  • 16. März
  • 4 Min. Lesezeit

Wie Verantwortung in Organisationen verschwindet


Szene


„Wer hat diese Entscheidung eigentlich getroffen?“

Die Frage bleibt einen Moment im Raum stehen.

„Das wurde im Leitungsgremium beschlossen.“

„Und wer trägt die Verantwortung?“

„Das war ein gemeinsamer Entscheid.“

 

Gespräch


Gesprächspartnerin: In Organisationen wird vieles gemeinsam entschieden.

Claritia: Das kann sinnvoll sein.

Gesprächspartnerin: Ja. In meiner Rolle im Verwaltungsrat erlebe ich das oft als Stärke. Verschiedene Sichtweisen, gemeinsame Verantwortung – zumindest in der Theorie.

Claritia: Und in der Praxis?

Gesprächspartnerin: Da ist es ambivalenter. Manchmal weiss ich hinterher nicht mehr genau, wer eigentlich verantwortlich ist – mich eingeschlossen.

Claritia:Woran merken Sie das?

Gesprächspartnerin: Wenn etwas nicht funktioniert, sagt niemand: Das war meine Entscheidung. Es heisst dann: Das haben wir so beschlossen. Ich höre mich das selber sagen.

Claritia: Dann bleibt die Entscheidung ohne Person?

Gesprächspartnerin: So fühlt es sich an. Die Entscheidung ist gefallen, sie wirkt weiter – aber ich könnte nicht sagen, bei wem sie innerlich ankert. Auch nicht bei mir.

Claritia: Gab es eine Situation, in der Ihnen das besonders aufgefallen ist?

Gesprächspartnerin: Ja, vor kurzem bei einem Budgetentscheid. Im Verwaltungsrat haben wir beschlossen, ein Budget zu kürzen. Im Protokoll stand genau, welche Massnahmen umgesetzt werden und wer dafür zuständig ist. Aber nirgends stand, wer von uns diesen Entscheid als seine oder ihre Verantwortung versteht.

Claritia: Wie haben Sie das erlebt?

Gesprächspartnerin: Zuerst war das erleichternd. Es war ein schwieriger Entscheid, und es war angenehm, ihn als „unseren“ Beschluss zu sehen. Aber als später Kritik aus der Geschäftsleitung kam, merkte ich: Ich sage nur noch, dass das Gremium das so entschieden hat. Und gleichzeitig erwarte ich von der Geschäftsleitung, dass sie das mitträgt.

Claritia: Wenn Sie heute darauf schauen: Wer steht aus Ihrer Sicht für die Folgen dieses Entscheids ein?

Gesprächspartnerin:Gute Frage. Formal der Verwaltungsrat als Ganzes. Persönlich würde ich nur zögerlich sagen: Ich stehe dafür ein.

Claritia: Das berührt die Frage der Zurechenbarkeit: Bei wem landen die Folgen?

Gesprächspartnerin: Ja. Und auch die Frage, ob ich zu dem stehe, was ich mitentschieden habe.

Claritia: Wie würden Sie das für sich beantworten?

Gesprächspartnerin: Ich habe zugestimmt, aber ich habe mich innerlich nicht wirklich mit dem Entscheid verbunden. Ich war eher erleichtert, dass wir überhaupt zu einem Beschluss gekommen sind. Ob ich sagen würde: Ich stehe voll dahinter – da bin ich unsicher.

Claritia: Dann geht es nicht nur darum, wer formal beteiligt war, sondern auch darum, wie sehr das eigene Urteil tatsächlich in diesem Entscheid steckt.

Gesprächspartnerin: Genau. Ich habe mitentschieden, aber ich weiss nicht, ob ich sagen würde: Das ist wirklich mein Entscheid.

Claritia: Damit sprechen Sie drei Ebenen an: Wer steht für die Folgen ein? Stehe ich innerlich zu dem, was ich mitentschieden habe? Und habe ich den Entscheid wirklich mitgetragen – oder nur nicht widersprochen?

Gesprächspartnerin: Das trifft es ziemlich gut.

Claritia: Vielleicht lohnt es sich, einen Moment bei diesen Ebenen der Verantwortung zu bleiben.


Hinweis: Der Dialog ist fiktiv. Er verdichtet Erfahrungen aus realen Gesprächen und hätte sich so durchaus ereignen können.

 

Klärung


Was im Gespräch als persönliche Erfahrung sichtbar wird, zeigt sich in Organisationen als strukturelles Muster: Verantwortung verteilt sich, bis sie niemandem mehr eindeutig gehört.

Organisationen arbeiten mit Strukturen: Rollen, Prozessen, Gremien und Zuständigkeiten. Sie helfen, Entscheidungen zu koordinieren und komplexe Zusammenhänge handhabbar zu machen. Doch manchmal geschieht dabei etwas anderes: Verantwortung beginnt sich zu verteilen, bis sie niemandem mehr eindeutig gehört.


Eine Entscheidung entsteht im Meeting, wird protokolliert und anschliessend umgesetzt. Doch wenn später gefragt wird, wer eigentlich dafür einsteht, bleibt die Antwort oft unklar. Die Entscheidung gehört allen – und damit am Ende niemandem.


Philosophisch betrachtet ist Verantwortung mehr als eine organisatorische Zuständigkeit. Sie entsteht in einem Verhältnis zwischen drei Polen: dem Ich, das entscheidet, den anderen Menschen, die von dieser Entscheidung betroffen sind, und der Welt, in der Entscheidungen Folgen haben.


Dieses Beziehungsdreieck macht sichtbar, wo Verantwortung entsteht.Zugleich zeigt sich Verantwortung wie sie getragen wird.


Auf der Ebene der Zurechenbarkeit stellt sich die Frage: Wer steht für die Folgen eines Entscheids ein?

Auf der Ebene der Integrität geht es darum, ob jemand innerlich zu dem steht, was er oder sie mitentschieden hat.

Und auf der Ebene der Urteilskraft zeigt sich, ob ein Entscheid wirklich getragen wurde – oder ob man ihm nur formal zugestimmt hat.


Bleiben diese Ebenen im Beziehungsdreieck sichtbar, kann Verantwortung getragen werden. Verschwinden sie hinter Strukturen und Prozessen, beginnen Entscheidungen ihre Verbindlichkeit zu verlieren. Sie zirkulieren im System, ohne dass jemand wirklich für ihre Folgen einsteht.


Organisationen versuchen dieses Problem häufig durch noch mehr Regeln oder Prozesse zu lösen. Strukturen können Verantwortung jedoch nur ordnen – sie können sie nicht ersetzen. Denn Verantwortung ist letztlich eine Frage der inneren Haltung.


Sie zeigt sich darin, dass jemand bereit ist, sich mit einem Entscheid zu identifizieren – auch dann, wenn er später kritisiert wird oder unerwartete Folgen hat. Gerade in kollektiven Entscheidungsprozessen wird diese Haltung herausgefordert. Es ist entlastend, schwierige Entscheidungen als „gemeinsamen Beschluss“ zu verstehen. Doch wenn sich hinter diesem „Wir“ kein einzelnes „Ich stehe dazu“ mehr findet, beginnt Verantwortung zu verschwimmen.


Der Weg zurück zur Verantwortung beginnt deshalb oft mit einer kleinen, aber anspruchsvollen Bewegung: dem Mut, eigene Urheberschaft anzuerkennen. Das heisst nicht, Entscheidungen im Alleingang zu treffen oder Schuld zu übernehmen. Es heisst, sichtbar zu machen, wo das eigene Urteil Teil einer gemeinsamen Entscheidung war.


In diesem Moment verändert sich etwas. Verantwortung wird nicht mehr als Last verstanden, die verteilt werden muss, sondern als Beziehung, die getragen wird. Organisationen können diese Haltung fördern – nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch Räume, in denen Entscheidungen reflektiert und Verantwortung ausgesprochen werden kann.


Denn Verantwortung entsteht dort, wo jemand bereit ist zu sagen:Diese Entscheidung gehört zu mir.Nicht weil andere nicht beteiligt waren.Sondern weil Verantwortung am Ende immer einen Ort braucht.

 

 

 
 
 

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